FACHBEREICH GESCHICHTE, ETHIK UND THEORIE DER MEDIZIN

Forschung

Pädopathologie

 

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Projektskizze:

Thema: „Die Pädopathologie an der Medizinischen Akademie Magdeburg (MAM) – zum Umgang mit Fehl- und Frühgeburten und dem Säuglingstod 1959-1989/90“

Problemaufriss:

Nach den beiden in der „Volksstimme“ erschienen Zeitungsartikeln im September und Anfang Oktober 2019, in denen das neue Forschungsprojekt an der Medizinischen Fakultät erwähnt wurde, haben sich bis heute über 70 Personen handschriftlich, per email oder fernmündlich im Institut Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin  gemeldet. Schon in den vergangenen Jahren gab es immer wieder verstärkte Aktivitäten von „Betroffenen-verbänden“, wie der Interessengemeinschaft „Gestohlene Kinder der DDR“  (IGgK_DDR) und eine häufig unsachgemäße Berichterstattung in den Medien[1], die dazu beigetragen haben Zweifel an der Richtigkeit von Unterlagen aufkommen zu lassen und Unsicherheiten hervorgerufen haben.

Die Mütter/Väter oder Geschwister äußern u.a. die Vermutung, dass man ihre neugeborenen Säuglinge/Geschwisterkind nach der Geburt entwendet, eine  intensivmedizinische Behandlung vorgetäuscht und Unterlagen der Pädopathologie über die Todesursache gefälscht hätte. Zudem wird versucht eine Parallele zu den mittlerweile zumindest in einzelnen Fällen nachgewiesenen politisch motivierte Zwangsadoption herzustellen.[2]

Mütter und Väter berichten, dass sie nach der Geburt ihr Neugeborenes nicht sehen durften, wenig später wurde ihnen mitgeteilt, dass Komplikationen aufgetreten seien und dass ihr Kind in die Kinderklinik der Medizinischen Akademie Magdeburg (MAM) verlegt worden sei. Auch dort sei den nachfragenden Vätern kein Besuch gestattet worden, sie haben das Kind nicht sehen dürfen. Danach habe sie auf unterschiedlichen Wegen (per Telegramm, schriftliche Aufforderung der Pathologie)  die Nachricht ereilt, dass der Säugling verstorben sei. (Vergleiche Anhang: Telegramm)

 

Fragestellung und methodische Vorgehensweise

Wir versuchen die zeitgenössische Praxis des medizinischen Personals im Umgang mit Schwangeren, Gebärenden und dem kranken und toten Säugling an verschiedenen Orten zu rekonstruieren  (Schwangerschaftsberatungsstellen, Kreißsaal, Kinderintensivstation, Kinderpathologie und Bestattungspraxis).

Daraus ergeben sich folgende zu bearbeitenden Themenblöcke:

 

  1. In der Schwangerschaftsfürsorge
  2. Im Kreißsaal
  3. Auf der Kinderintensivstation
  4. In der Kinderpathologie
  5. Bestattungs-/ und Beisetzungspraxis

 

Vorrangig geht es darum nachzuzeichnen wie sich die medizinische Praxis des Umgangs mit Schwangeren, mit Gebärenden, mit kranken und schließlich verstorbenen Säuglingen bis hin zu ihrer Verbrennung  oder Bestattung an diesen Orten gestaltete. Dazu sollen in einem ersten Schritt die Betroffenen (Mütter, Väter, Geschwister) im Rahmen von Interviews selbst zu Worte kommen und ihre persönlichen Erfahrungen mit ihrer Schwangerschaft, Geburt bis hin zum Tod ihres Kindes schildern. Auch alle Akteursgruppen sollen befragt werden (Ärzt*innen, Hebammen, Pflegekräfte, Mitarbeiter*innen der Pädopathologie)

Interviews sollen im Kontext von Quellenauswertungen analysiert und interpretiert werde.

In einem zweiten Schritt wollen wir uns den Institutionen, die in diesen Prozess eingebunden waren, direkt zuwenden.

Für alle aufgeführten Themenkomplexe soll eine Literatur- und Archivrecherche durchgeführt und nach (archivalischen) Beständen gesucht und diese in einer Datenbank erfasst und zusammengeführt werden (Stadtarchiv MD, Landesarchiv SA, Bundesarchiv Berlin).



[1] Vgl. u.a. RTL-explosiv vom 11.2.2016: „Zwangsadoptionen: wurden Eltern in der DDR systematisch ein Kind gestohlen?“,  Norddeutsche Neueste Nachrichten (NNN) vom 5.2.2018: „Griff die DDR nach Säuglingen?“ Rostockerin sucht nach ihrem angeblich gestorbenen Kind. Indizien deuten auf staatlich organisierten Babyraub“, Tagesspiegel vom 5.4.2018: „Wo sind unsere Kinder geblieben  - Gegen eine Mauer des Schweigens“, WELT digital vom 4.4.2018: „Geschichte. Zwangsadoptionen. DDR Behörden sollen Eltern neugeborene Babys gestohlen haben. Auch gab es im Feb. 2018 im ZDF-Heute-Journal,  in dem Claus Kleber in dem Sinne anmoderierte: „Der DDR-Staat habe missliebigen Eltern ihre Kinder weggenommen und sie zur Adoption an zuverlässige Genossen übergeben.“ Zit. n. Drescher, Anne: „Gedanken zum Tag“, in: Zwischen Zweifel und Akzeptanz. Frühverstorbene Kinder, Kindstode, Kindesentzug und Adoption in der DDR. Fachtagung der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Stasi-Unterlagen, Schwerin 2018, S. 24.

[2] Lindenberger, Thomas: Dimensionen und wissenschaftliche Nachprüfbarkeit politischer Motivation in DDR-Adoptionsverfahren 1966-1990, (Zentrum für zeithistorische Forschung Potsdam, im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, Potsdam 6. Feb. 2018. Allerdings  gibt es auch große Kritikpunkte an dieser Machbarkeitsstudie vor allem was die geschätzte Anzahl der politisch motivierten Zwangsadoptionen anlangt. Vgl. hierzu Drescher (2018), S. 23.

Letzte Änderung: 08.03.2021 - Ansprechpartner:

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